Chormusik - das muss nichts Statisches, Steifes an sich haben. Wer einen Beweis für diese These haben wollte, war am Sonntagabend im Marktheidenfelder Pfarrheim St. Laurentius am richtigen Platz. Dorthin hatte der Lions-Club Marktheidenfeld-Laurentius eingeladen.
Auf der Bühne stand der Kreisjugendchor Main-Spessart und zeigte unter Leitung seines Dirigenten Michael Albert (Gemünden) eine eindrucksvolle Reise durch die Geschichte der Vokalmusik. Mit einem akustischen Urknall trat man vor die rund 200 Gäste. Mit jugendlicher Frische boten die 26 Sänger im Alter von 14 bis 26 Jahren ein Programm mit großem Anspruch und unterhaltendem Charakter.


Da verließen Sänger auch mal die Bühne, sangen ein Echo von der Empore oder nahm das Publikum im Saal singend mit.
Als zuverlässiger musikalischer Begleiter auf Klavier und Orgel erwies sich Robert Werner. In den Chor hatte Michael Albert für Außenstehende nicht bemerkbar die Teilnehmer des Kurses „Chorgesang heute" der diesjährigen Schülerakademie des Landkreises Main-Spessart integriert. Bemerkenswert war, dass vergleichsweise wenige männliche Stimmen engagiert ein adäquates Gegengewicht zur weiblichen Dominanz im Chor bilden konnten.
So waren die Liedvorträge scheinbar mühelos von wunderbarer Harmonie und einer mitreißenden Leichtigkeit geprägt. Dass so eine Darbietung viel Arbeit notwendig macht, verdeutlichte Lions-Präsidentin Monika Oetzel. Die jungen Leute probten mit ihrem Leiter intensiv und bis zur letzten Minute für den Abend, so dass bisweilen schon einmal die Nerven blank zu liegen drohten. Die Mühen hatten sich aber gelohnt, und so freute sich Oetzel, den Reinerlös des Konzerts, das sie mit ihren Clubmitgliedern organisiert hatte, der vorbildlichen Förderung des Sängernachwuchses im Kreisjugendchor zur Verfügung stellen zu können. Die Jugendlichen moderierten die einzelnen Programmpunkte im Wechsel und boten dabei Informationen zum Hintergrund. Schlichte und zeitlose Schönheit und Andacht prägten die geistlich-orientierten Lieder aus der Renaissance von Johannes Ockeghem, Heinrich Isaac oder Orlando di Lasso. Den Wandel des Klangbilds der Vokalmusik im Barock zeigte der Chor überzeugend. Nach Bachs Vertonung des Paul-Gerhardt-Gedichts „Nun ruhen alle Wälder" und dem Choral „Stimmt an die Saiten" aus Haydns Oratorium „die Schöpfung" dominierten weltliche Gesänge.
In der Wiener Klassik angekommen überraschte der volkstümlich-derbe Mozart-Kanon „Bona Nox". Ausdruckstärker und stimmungsvoll belegten Felix Mendelssohn-Bartholdys „Abschied vom Walde" und das Brahms-Lied „In stiller Nacht" die Zuwendung zu Natur und innerem Empfinden in der Romantik.
Mit dem Schlager der Comedian Harmonists „Wochenend und Sonnenschein", dessen deutscher Text aus der Feder des jüdischen Liberettisten und NS-Verfolgten Charles Amberg stammt, war man im 20. Jahrhundert angekommen. Melancholie prägte das jiddische Volkslied „Schpilsche mir a Lidele", dessen Klezmer-Charakter mit dem begleitenden Spiel auf zwei Klarinetten vertieft wurde. „Die Gedanken sind frei" zeigte sich als ein stets aktueller, musikalischer Ruf nach Menschenrechten.
Auch an die Neue Musik, die kaum in Bühnenprogrammen von Gesangsvereinen auftaucht, wagte sich Albert mit seinen Jugendlichen. Sehr zu recht, wie der eingängige Sprechgesang „Story" des US-Komponisten John Cage oder das schwingende Werk „Solfeggio" des Esten Arvo Pärt ganz eindrucksvoll zeigten.
Am Ende des Programms folgten unterhaltsame Klänge aus Revue, Film und Popkultur. Zum Schluss-applaus erhoben sich die Gäste von ihren Plätzen, um sich von ihren talentierten, musikalischen Reiseführern anerkennend zu verabschieden.

Go to top